The Komi Diary

Aufgrund einer merkwürdigen Wendung ist ein abgelegener Ort im Norden Russlands die zweite Heimat des italienischen Fotografen Filippo Zambon geworden. Filippo Zambon hat in den letzten zwei Jahren den Alltag eines Ortes erlebt, der nach und nach seine Geheimnisse enthüllte. Um die Gesamtheit einer Gemeinschaft, ihre Komplexität und Variationen darzustellen und zu verstehen, bedarf es mehr als nur einer Feldstudie oder Kulturforschung. Es erfordert eine völlige emotionale Hingabe: Die Geschichte dieses Ortes ist zu der Geschichte Zambons geworden und seine Erfahrung und seine Arbeit sind Teil der ikonografischen Mischung des Ortes geworden.

Syktywkar ist eine Stadt im Norden Russlands und die Hauptstadt der Republik Komi. Syktywkar ist das Zuhause einer finnisch-ugrischen Volksgruppe, deren Heimat vor Jahrhunderten von den Russen kolonisiert wurde. Abseits der Großstädte Russlands und weit weg von der schnellen und wirtschaftlichen Entwicklung des Westens, ist es eine Stadt am „Ende des Imperiums“.

Die beiden ethnischen Gruppen, die Komi und die Russen, haben lange Zeit zusammengelebt; ihre Ikonographie und Traditionen sind so miteinander verschmolzen. Die traditionelle Folklore der Komi, der russische Symbolismus und die zeitgenössische russische Kultur sind in das tägliche Leben dieser Provinzstadt eingeflossen. Syktywkar, was auf Komi „die Stadt am Fluss“ bedeutet, ist selbst den meisten Russen unbekannt. Hauptstadt einer reichen Region in der Nähe des Uralgebirges und des Landes der Nenzen (indigene Bevölkerungsgruppe). Während der Zarenzeit war dies ein Ort des politischen Exils. Außerdem wurden viele Kriegsgefangene hierhergeschickt: Während des Zweiten Weltkriegs zwang die Rote Armee Hunderte deutsche Gefangene in die Region, viele ihrer Nachkommen leben noch hier. Die Sowjets nutzten die Region als Gulag. Gefangene aus der ganzen UdSSR wurden in die Arbeitslager geschickt. Viele überlebten und arbeiteten in der Papierfabrik von Eshva, einem Vorort von Syktywkar.

Heute möchte die Mehrheit der jungen Menschen nach Sankt Petersburg oder Moskau ziehen, wo es mehr Möglichkeiten und eine Zukunft gibt. Diejenigen, die bleiben, beklagen, dass die Stadt verfällt und verschwinden wird, dass sie sogar von ihren eigenen Bürgern vergessen wird.

Mit der Mischung unterschiedlicher Medien im Buch schafft Filippo Zambon einen Dialograum, in dem die Fotografien als eine Bildebene und die Malereien als zweite Ebene in referenzieller Wechselbeziehung zueinander stehen. Er greift Muster und Formen auf und hebt damit visuelle Charakteristika der Fotografien hervor: So entsteht eine ikonografische Sammlung und andere Form einer visuellen Beschreibung des Ortes. Bereits in früheren Arbeiten nutzt Filippo Zambon die Methode mehrerer Ebenen innerhalb des Fotobuchs und reflektiert oder kommentiert die fotografische Ebene und erweitert den Raum durch eine weitere Erzählform; wie man sie z.B. auch in Bieke Depoorters Arbeit „As it may be“ findet.

Mit seiner Arbeit hat der in Finnland lebende Fotograf den Photo Book Award Finnland 2018 gewonnen. Außerdem wurde sie während des Imago Lisboa Photo Festival 2019 gezeigt. Das Festival reflektiert mit dem Medium der Fotografie die gegenwärtige Gesellschaft und schafft einen Raum für Reflektion, der allen Menschen zugänglich ist. Portugiesische und internationale Positionen korrespondieren miteinander und erhöhen innerhalb des Festivals die Sichtbarkeit der portugiesischen Positionen und Tendenzen in der Fotografie. Sie sensibilisieren für soziale Ungleichheiten und produzieren neue Erinnerungen. Innerhalb des Festivals finden Veranstaltungen und Konferenzen statt, in denen die Fotografie und gegenwärtige Praktiken kritisch reflektiert werden. Das Imago Lisboa Photo Festival fand so in der Form zum ersten Mal statt.

 

Filippo Zambon

Weiterführende Links
https://filippozambon.com/
http://photobookaward.fi/
http://www.imagolisboa.pt/