Stadt. Land. Flucht.

Bergdörfer zwischen Stagnation und Auflösung

In Zypern leben bereits 66,8 Prozent der Einwohner im urbanen Raum. Die ländliche Armut, eine schlechte Infrastruktur und die Unruhen und Auseinandersetzungen mit den britischen Besatzern sowie mit den türkischen Truppen machten sowohl Binnenmigration als auch Auswanderung zu bestimmenden Themen innerhalb der zypriotischen Bevölkerung. Die Folgen der Urbanisierung und Landflucht werden an den Dörfern Spilia-Kourdali und Kannavia, die an den Nordhängen des Troodos-Gebirges liegen, beleuchtet. In der postkolonialen Phase sind 5% der Gesamtbevölkerung abgewandert. Innerhalb von 30 Jahren sank die Bevölkerungszahl in der Region um 50 Prozent und in einem Fünftel des Gebiets gibt es keine Menschen, die jünger sind als 24. Jahre. In der Hoffnung auf eine bessere Zukunft verlassen vor allem jüngere Menschen die Dörfer; die ältere Bevölkerung bleibt zurück und die Gemeinschaft löst sich nach und nach auf.

Die gestalterische Arbeit spürt dem Phänomen auf einer Mikroebene fotografisch nach und nähert sich der Fragestellung inwieweit Fotografie als Werkzeug zur Erkenntnisgewinnung in der visuellen Forschung eingesetzt werden kann.

Die Topografie der Insel Zypern ist von Bergmassen bestimmt, deren physische Begebenheiten das Leben der Menschen bestimmen. Das Troodos-Gebirge bedeckt einen großen Teil des Südens der Insel sowie einige Teile des Westens und nimmt circa ein Drittel der Gesamtfläche ein. Die untersuchten Dörfer Spilia-Kourdali und Kannavia liegen an den Nordhängen des Troodos-Gebirges. Die Bergregion ist klimatisch deutlich kühler als der Rest der Insel; hohe Regen- und Schneefälle bestimmen die Wintermonate. Um Heizkosten zu sparen, leben viele der Bewohner im Winter in der Tiefebene bei ihren Kindern. Während der Sommermonate ist die Hitze in der Tiefebene ein Grund für ein Zweitwohnsitz im Troodos-Gebirge.

Das Asbestvorkommen im Troodos-Gebirge war in der Vergangenheit von wirtschaftlicher Bedeutung: Das damals größte Asbestbergwerk Europas befand sich im Dorf Amiantos, circa 16 Kilometer von Kannavia und circa 11 Kilometer von Spilia-Kourdali entfernt, und gab vielen Menschen Arbeit in der Region. Das Asbestbergwerk wurde 1988 geschlossen. Neben Amiantos gibt es in zudem in der Region die älteste Kupfermine der Welt in Skouriotissa. 1955 war der Abbau von Kupfer der Hauptwirtschaftspfeiler der Insel. Die Einnahmen aus dem Abbau von Kupfer waren für die sozioökonomische Entwicklung der Insel von großer Bedeutung.

Neben der Arbeit in den Minen arbeiteten einige Bewohner in der Holzproduktion, deren Schwerpunkt der Kieferneinschlag war. Mit der Schließung des größten Asbestbergwerks und der schwindenden Bedeutung der Forstwirtschaft wurden die Städte zu den neuen Arbeitgebern: wenn das Haus oder die Wohnung auf dem Land nicht aufgegeben wurde, wird zwischen Land und Stadt gependelt. Da sich aber die verbliebene Bevölkerungsmehrheit in Kannavia und in Spilia-Kourdali im Rentenalter befindet, leben viele von ihren Rentenzahlungen oder werden von ihren Kindern unterstützt.

Die Wirtschaft erholte sich von den politischen Konflikten relativ schnell, und die Ökonomie, die traditionell von der Landwirtschaft und der Tierproduktion geprägt war, wurde durch eine kommerziell geprägte Wirtschaft, die sich im urbanen Raum konzentrierte, ersetzt. Ende der 1960er Jahre boomte die Wirtschaft; die Landwirtschaft wurde durch automatisierte Verfahren modernisiert, und Herbizide und Düngemittel wurden effizienter eingesetzt. Obwohl sich die Einnahmen aus der Landwirtschaft in der Zeit verdoppelten, waren die Einnahmen aus der Industrie, der Konstruktion, dem Handel, dem Tourismus sowie der Telekommunikation weit höher, und die Landwirtschaft verlor immer weiter an Bedeutung. Das führte schließlich dazu, dass viele Menschen in anderen Sektoren arbeiteten.

Die zwei nachfolgenden Gespräche wurden mit den Dorfältesten geführt. Die Gesprächsthemen und Fragen wurden von mir formuliert und sollen einen Einblick in die Lebensumstände, Verhältnisse und Sozialstrukturen von ‚damals‘ und heute bieten. Die erste Interviewpartnerin namens Madrobi geht auf das Verhältnis zu der türkischsprachigen Bevölkerung ein und erklärt, inwieweit das Dorf vom Konflikt betroffen war. Außerdem beschreibt sie die lokalen Arbeitgeber. Beide Gespräche wurden auf zypriotischem Griechisch von Maria Drakou in Kannavia, Zypern geführt und simultan ins Englische übersetzt. Daraufhin wurden sie vom Autor dieser Arbeit ins Deutsche übersetzt und von Janina Zei eingesprochen.

 

 

 

 

Mit der Urbanisierung gehen grundlegende gesellschaftliche Veränderungen einher; die Dimension umfasst alle Lebensgewohnheiten sowie Lebensstile. Die Städte sind Orte der Individualisierung; so unterscheiden sich städtische und ländliche Lebensgewohnheiten stark voneinander. Menschen in (Berg-)Dörfern sind Teil einer festen Gemeinschaft, eines festen Gefüges, wohingegen sich Menschen in den Städten anonym und frei bewegen können und ungebunden sind. Das Leben im Dorf wird heute zu einem Gegenentwurf zum Leben in der Stadt: Die anonyme Großstadt, das entfremdete Leben wird unattraktiv. Die Stadt wird zum Antagonisten, das Leben auf dem Land zum Unverfälschten und zu etwas Wahrem konstruiert. Vor allem aber dominieren romantische Vorstellungen und eigene Projektionen.

Fotografie als Werkzeug zur Erkenntnisgewinnung in gesellschaftlichen Wandlungsprozessen

Die Fotografie ist für mich ein Zugang zu diversen Lebenswelten; sie kann für die Sozial- und Kulturanthropologie Erkenntnisse generieren und durch die apparative und visuelle Beobachtung Bilder erzeugen, die als Deutungs-, Erkenntnis und Erklärungsmittel funktionieren können. Die Kamera wird zum Aufzeichnungsinstrument von Felddaten, richtet sich aber nach der bewussten Entscheidung des Fotografen. Auch die anschließende Auswertung ist ein weiterer rückbezüglicher und reflektierender Vorgang, indem das auslösende Interesse hinterfragt wird. Anhand mehrerer Beispiele aus der entstandenen Fotoarbeit soll der Prozess erläutert werden.

 

Nach schweren Regenfällen erstrahlt die Landschaft in starken Grüntönen, zuvor lag viel Staub in der Luft, der einigen Menschen stark zusetzte und ihnen Atemprobleme bereitete. Wir erfuhren durch eine Mitarbeiterin des Umweltministeriums, dass der Staub des Krieges aus Syrien nach Zypern gelangte und die Landschaft bedeckte. Der Regen wusch den Staub von den Ästen, dem Blattwerk und den Pflanzen herunter, bis einige Tage später die Landschaft vom Blütenstaub der Pinienbäume bedeckt war und sie sich gelb färbte.

Der Aufenthalt auf Zypern war wie ein Besuch bei der Familie, vertraut und herzlich. Als andere Teilnehmer Unterschiede zu ihren Traditionen und Gewohnheiten feststellten, kam bei mir ein vertrautes Gefühl durch frühere Reisen in den Nahen Osten auf. Durch das Projekt war ich in den Dörfern Spilia-Kourdali und Kannavia als temporärer Gast akzeptiert. Das Gefühl, zuhause zu sein, löste sich rasch beim Besuch eines anderen Dorfes auf: Weil ich fotografierte, wurde ich für einen türkischen Spion gehalten, und die Polizei wurde verständigt. Inwieweit dem Fotografen ein Zugang möglich ist, kann durch physische Merkmale mit beeinflusst werden. Wie dadurch auch fotografische Perspektiven, durch das wechselseitige Verhältnis und die wechselseitige Wahrnehmung auch Vertrauen entstehen, zeigt dieser Vorfall.

In vielen Haushalten, aber auch in den Tavernen und Cafés, hängen Fotos von Personen, die als lokale Helden gefeiert und geehrt werden. Sie haben in der Untergrundorganisation EOKA gegen die britischen Besatzer gekämpft. Ein immer wieder kehrendes Portrait ist das von Costas Anaxagora (links unten im Bild):

»Costas Anaxagora wurde am 20. Juni 1935 in Spilia, Distrikt Nikosia, geboren und war das erste von zwölf Kindern von Anaxagoras und Minodora Louca. Nach seinem Abschluss an der Spilia-Grundschule arbeitete er als Fahrer in den Amiantos-Minen. Er war bekannt für seinen reinen Patriotismus, der seine ganze Familie kennzeichnete, und war einer der ersten, der die Truppen der legendären EOKA nach der historischen Schlacht von Spilia im Dezember 1955 anführte. Er fungierte als Verbindungsmann zwischen den Gruppen in der Region und unterhielt Verstecke für die Sprengstoffe und Waffen der Organisation. Er beteiligte sich auch an Überfällen und anderen Missionen, wie der Übernahme von drei Radiosendern von der Platania-Foreststation und der Sprengung eines Regierungsbaggers in Spilia. Seine Verlobte Maria Chr. Cleanthous war die ganze Zeit an seiner Seite. Er wurde am Tag seines 23. Geburtstages tot aufgefunden« (Press and Information Office).

EOKA war die einzige anti-koloniale Bewegung der Welt, die den Anschluss an ein anderes Land erreichen wollte und nicht die eigene Unabhängigkeit forderte. Der alte Wunsch, der Enosis, der Anschluss an Griechenland, ist die Idee einer Vereinigung des griechischen Volkes über mehrere Landesgrenzen.

Die beerdigte(n) Person(en) ist/sind während des Unabhängigkeitskampf gestorben. Ich stoße an meine sprachlichen Grenzen. Das griechische Alphabet habe ich während meines Aufenthalts gelernt. Die Inschrift aber kann ich nicht entschlüsseln: sie ist Altgriechisch. Die erste Annäherung über die Fotografie zeigt mir die griechische Flagge, das bedeutsame Jahr, aber entscheidende Informationen für eine weitere Recherche fehlen. Zufälligerweise ist es genau der Todestag von Costas Anaxagora.

Nachtrag (3. Juli 2019):

Eine Freundin aus Griechenland, Stella Papadopoulou, studiert Altgriechisch, hat den Text für mich übersetzt:

»Epitaph Owd:
Unvergessliche Helden
Anaxagoras
Patsalidis
Konstantin
(Digenis)

Geliebte Heimatliebhaber in einer Zeit der Sklaverei. Sie wollten nicht den Ruhm. Sie sind gestorben und ihre Knochen sind hier. Sie gelten als würdig, weil sie am 20. Juni 1958 für ihre Heimat gestorben sind.«

Es ist sind die Gräber der EOKA-Kämpfer aus der Region.

Andere Anknüpfungspunkte wurden zuvor verfolgt:
Während die Proteste der griechischsprachigen Zyprioten 1931 mit der Niederbrennung eines (britischen) Regierungshauses ihren Höhepunkt nahmen, wurde, um ähnliche Vorkommnisse in Zukunft zu verhindern, unter anderem die griechische Flagge verboten. Welche Verbindungen bestehen heute zu Griechenland? Heute wäre ein Anschluss an Griechenland undenkbar, und Zypern wäre nur eine weit entfernte, von Griechenland verwaltete Insel. Das Interesse an der Enosis besteht nicht mehr.

Ein Taxifahrer erzählte mir, dass er vor einigen Jahren das Dorf seiner Kindheit besuche, aus dem er gezwungen hatte fliehen müssen. Er sah die Flagge der Türkischen Republik Nordzypern und konnte den Anblick nicht ertragen. Nachdem er das Dorf, das er etliche Jahre nicht gesehen hatte, wiederbesuchte, entschloss er sich, nicht mehr wiederzukommen. Die Flaggen sind ein politisches, aber auch ein emotionales Symbol und bekommen im Zypern-Konflikt eine starke Bedeutung bei den sich gegenüberstehenden Gruppen.

Für die Werkschau wurden die Fotografien in unterschiedlichen Formaten frei über die Wandfläche platziert, sind nicht nach einem Raster oder einer gedachten Linie ausgerichtet, und erhalten durch verschiedene Größen unterschiedliche Gewichtungen. Über Kopfhörer können die Gespräche mit den Dorfältesten gehört werden, sowohl die Sträucher als auch die Kisten sind Referenzen und Zitate zu den beiden Dörfern. Echter Lorbeer ist im Vorderen Orient heimisch und steht in der griechischen Kultur für Weisheit und Ruhm. Heute wird Lorbeer symbolisch in den Kirchen verwendet; zum Palmenfest, das anstelle von Palmen die christlichen Lorbeerzweige teilt. Lorbeerkränze werden außerdem zu Ehren der Helden und derer die Gutes bewirkten hinterlegt. Die Plastikkisten werden bei der Ernte in der Landwirtschaft eingesetzt oder sind oft ein Teil des Provisorischen im öffentlichen Raum; sie finden sich in unterschiedlichen Farben und Größen in den Dörfern wieder.

Yohanan Khodr
Stadt. Land. Flucht.
Abschlussarbeit

Hochschule Düsseldorf
Fachbereich Design
betreut von Prof.in Anja Vormann und
Prof.in Gabi Schwab-Trapp

Weiterführende Links

https://yohanan.de