Realisierte Utopien

Eine räumliche Auseinandersetzung im Oman

Das Fotografieren ist mein Zugang, meine Distanz und meine Orientierung. Am Rande Maskats, der Hauptstadt des Sultanats Oman, liege ich in meinem Hotel-Bett, neben mir meine Kamera. Sie begleitet mich auf jeder Reise. Im Oman gibt es kulturelle Regeln an die ich mich halten muss. Die ich nicht kenne, an die ich mich nur annähern kann.

Mein Projekt untersucht andere Räume im Sultanat Oman und versucht durch eine räumliche Auseinandersetzung soziale, kulturelle, religiöse und wirtschaftliche Strukturen zu begreifen. Was kann ich durch das Untersuchen von Räumen über das Land und die Gesellschaft herausfinden? Während eines vier wöchigen Aufenthalts suche ich nach Antworten und reise durch die Wüste, sehe mir Orte, Städte, Dörfer – andere Räume an. Räume, des Nebeneinanders und des Auseinanders. Dokumentiert werden Landschaften, Straßen, Häuser, Schlösser, Einkaufszentren, Vergnügungszentren, Moscheen, Gästeräume, Strände, Märkte, Universitäten oder Parks. Private und öffentliche Räume, privilegierte, heilige Räume, Räume, abhängig von Kultur, unvereinbare Räume, Räume, die Zeit brechen, Systeme mit Öffnung und Schließung oder illusionäre Räume. In diesen Räumen gelten bestimmte Regeln und Bedingungen, die mich die Gesellschaft besser verstehen lassen.

Seit der Machtübernahme von Sultan Qaboos scheint sich das Sultanat Oman rasant zu ändern. Aufgrund der isolationistischen Einstellung der Ibaditen im Oman hält sich das Land aus schiitisch-sunnitischen Konflikten fern. Mein Ziel war es mit der Studienstiftung den wirtschaftlichen, gesellschaftlichen und geologischen Wandel im Oman zu untersuchen. Nachdem ich für zwei Wochen mit Stipendiaten die Wüste erkundet hatte, war ich froh wieder alleine auf meinem Hotelzimmer zu sein. Ich hatte die Exkursion vorher abgebrochen. Mir gefiel es nicht, wie wir als weiße, Europäer mit unseren Jeeps das Land inspizierten. Nachdem Parasiten in unserem Zeltlager ausgebrochen waren, nutze ich die Chance und setzte mich zurück ins Taxi nach Maskat. Für zwei Wochen wollte ich das Land alleine und anders kennenlernen.

Stundenlang lief ich durch die Straßen, versuchte die Stadt Maskat und ihre Räume zu begreifen. Doch die Straßen waren wie leer gefegt. Maskat erlebte ich zu Beginn als verschlossene Stadt, in der das Private und Öffentliche streng getrennt ist. Eine andere Realität erlebte ich erst, als ich mit der Zeit Öffnungen und Schließungen der Stadt wahrnahm. Öffnungen wie Malls, Strände, Märkte oder Einkaufspassagen. Schließungen wie Moscheen oder Gebetsräume. Räume, deren Zugänglichkeit abhängig waren von persönlichem Status, Klasse, Aktivität, oder sich auf religiöse oder kulturelle Unterschiede bezogen. Neben dem städtischen Raum, wollte ich auch den ländlichen Raum erfahren. Die privaten Unterkünfte fragte ich schnell über eine Plattform an. Drei Familien, in drei verschiedenen urbanen Räumen, luden mich zu sich nach Hause ein. Ich freute mich sie kennenzulernen, aus meinem Hotel herauszukommen und persönliche Beziehungen eingehen zu können. In bekam Einblicke in private Familienleben, soziale Gefüge, und in Umgebungen mit unterschiedlichen gesellschaftlichen Kontexten. Das Fotografieren von Personen blieb weiterhin verboten, und so überlegte ich neu und entschied ich mich die Räume, die mich umgeben, zu untersuchen und zu dokumentieren.

In meinen Untersuchungen beziehe ich mich auf Michel Foulcault, der den Raum als Netzwerk beschreibt – mit Überschneidungen, Überkreuzungen, Verbindungen, Existenzen oder Ko-Existenzen. Gemeint ist nicht, der auf den ersten Blick wahrgenommen Raum, sondern der »Raum des Innen«. Der Fokus Foulcaults liegt auf Räumen, mit besonderer Eigenschaft, die sich auf verschiedene »Platzierungen« beziehen und anderen Räumen widersprechen. Es gibt zwei solcher Typen: Die Utopien und die Heterotopien. Während die Utopien unwirkliche Räume sind, sind Heterotopien wirkliche Orte, realisierte Utopien. Diesen Heterotopien sind fünf Grundsätze zu zuweisen: 1. Krisenheterotopien/ Abweichungsheterotopien sind Orte, die bestimmte Individuen gewidmet sind, die sich nach der Gesellschaft in einer »Krise« befinden (Erholungsheime, Psychiatrien, Pflegeheime, Gefängnisse); 2. Der zweite Grundsatz beschreibt existierende Heterotopien, deren Eigenschaften sich je nach Kultur und Zeit wandelbar sind (Friedhöfe); 3. Der dritte Grundsatz bezieht sich auf Orte, die mehrere »Platzierungen« und Bedeutungsebenen zusammenlegen (Theater, Kino, Garten); 4. Heterotopien, die Zeit brechen (Bibliotheken, Museen, Festwiesen, Feriendörfer); 5. Illusionsheterotopien sind Räume, deren Zugang abhängig von Öffnungen und Schließung sind (türkisches Hammam, skandinavische Saunas, Gästekammer, amerikanische Motels). Viele der räumlichen Zuweisungen und Eigenschaften sind mir als Außenstehende fremd, weil »Platzierungen« sozialisiert und kulturell aufgeladen sind. Im Oman gerate ich von einer Heterotopie zur nächsten, vom Privaten ins Öffentliche, manchmal lande ich dazwischen, ich bin drinnen und draußen.

Mittels fotografischer Praxis übersetze ich meine praktischen Raumuntersuchungen im Oman. Das Bild ist die Grundlage meiner künstlerisch-gestalterischen Übersetzungen. Nach Bourdieu ist die Fotografie soziale Praxis und Ausdruck sozialer Beziehungen. Mit, über und durch das Bild versuche ich Zusammenhänge zu verstehen und zu lokalisieren. Durch das Bild versuche ich neue Räume zu eröffnen, die neue Konstruktionen von Verbindungen schaffen.

Raumuntersuchung 01: Die Familie von Asma lebt in einem Haus außerhalb der Kleinstadt Sohar. Der Aufschwung des Landes wird durch die Häuser in Form von kleinen, von mir bezeichneten »Traumschlössern« sichtbar. Auf mehreren Quadratmetern werden Häuser umzingelt von hohen Mauern.  Die großen Flächen, ohne Straßen sind gefühlt willkürlich angeordnet. Den Tag verbringe ich mit der Familie im Innenraum des Hauses. Die Mutter, Schwestern und Nachbarinnen treffen sich, um zu kochen, Tee zu trinken, zu essen und sich auszutauschen. Gerne möchte ich die Nachbarschaft erkunden. Die Tochter teilt mir mit, dass es nicht gerne gesehen wird, tagsüber umherzulaufen. Also ziehe ich alleine los. Als ich zurück komme, unterhalten sich die Frauen, sie scheinen sich nicht daran zu stören an das Haus gebunden zu sein. Meine Perspektive von Freiheit auf mir fremde Konstrukte anzuwenden, wäre falsch. Denn das Zentrum dieser Frauen findet hier hinter diesen Mauern statt. Auf einem Teppich mit Tee und Süßigkeiten, und ohne Männer, konstruiert sich ihre Realität.

Raumuntersuchung 02: Am Strand von Sohar meiden wir am Abend die Nähe fußballspielender Männer. Gemeinsam laufen wir oben am Meer entlang und beobachten das Geschehen am Wasser. Am Strand scheinen andere Regeln zu gelten. Die Männer tragen hier nicht wie in der Öffentlichkeit ihre Dischdaschas. Familien spazieren im Sand, Väter bauen Burgen mit ihren Kindern oder Frauen suchen sich ihre Ecke, um gemeinsam mit ihren Freundinnen zu grillen. Auch in Maskat eröffnen sich mir am Strand andere Räume. Große, teure Jeeps fahren den Parkplatz entlang. Es gibt viele Restaurants, Cafés und Geschäfte. Die Räume sind halb überdacht. Zum ersten mal sehe ich neben den Männern ohne Dischdaschas, auch Frauen ohne Hijabs. Im Vergleich zum Zentrum der Stadt, indem sich niemand aufhält, eröffnet sich hier eine neue Dynamik, losgelöster von gesellschaftlichen und kulturellen Regeln.

Raumuntersuchung 03: Die nächste Familie, die ich besuche, lebt in Saham. Das Dorf besteht aus großen, aneinandergereihten Höfen. Felder, Plantagen und Ställe sind umzingelt von hohen Mauern, und werden mit Bewässerungssystemen bewässert. Die Hälfte des Dorfes gehört der Familie Abdullah. Das Haus der Onkel, Schwestern und Eltern sind in unmittelbarere Nähe von Abdullahs Haus, mein Gastgeber. Gemeinsam lebt er mit seiner Frau und Kind in seinem Haus. An ihren privaten Räumen, grenzt ein lila Gästeraum, indem ich in dieser Nacht schlafen darf. Die Gästeräume sind unterteilt in Frauen- und Männerräume. Diese werden normalerweise für Familienfeiern eröffnet oder für Besucher der Familie, ansonsten werden sie nicht genutzt und stehen leer. Ich liege in dieser Nacht in einem dieser leeren Gästeräume, umgeben von Teppichen und Kissen.

Raumuntersuchung 04: Am nächsten Tag fahre ich mit Abdullahs Familie zur Mall im nächstgelegenem Ort. Sobald wir die leeren, öffentlichen Straßen verlassen und die Glastür der Mall sich öffnet wimmelt es von Menschen. Die Mall ist voller Familien, Freundinnen, Freunden, Frauen, Männern, Jugendlichen und Kindern. Die Etagen sind eingeteilt in Shopping-Etagen, Essens-Etagen und Spiel-Etagen. Der Raum liegt zwischen privat und öffentlich, umrandet von Mauern, abgeschottet von der Öffentlichkeit. Neben den Malls gibt es in der Stadt Einkaufszentren und Passagen, offen und halbüberdachte. Die nächsten Tag wandere ich durch die alten Souks der Stadt und sehe viele Geschäfte mit den Schildern »Women Tailoring«. In den Räumen beobachte ich Frauen auf Stühlen, Sesseln und Sofas, die zusammenkommen und ihre maßgefertigten Abayas anzuprobieren.

Raumuntersuchung 05: Für meinen letzten Aufenthalt außerhalb der Stadt übernachte ich in Rustaq. Mein Gastgeber, Khalil, holt mich an der vereinbarten Tankstelle ab. Gemeinsam mit Khalil fahre ich zum Haus seiner Familie. Er hat eine Frau, zwei Kinder und eine afrikanische Haushälterin. Auch hier schlafe ich im Gästeraum. Kurz darf ich mir die privaten Räume ansehen. Ihr eigenes Wohnzimmer ist viel reduzierter eingerichtet als der Gästeraum, und auch der Rest des großen Hauses wirkt recht leer. Zum Abendessen sitzen wir im Hof zwischen ihrem Haus und der Mauer auf einem Teppich und essen Samosa. Eine afrikanische Haushaltshilfe bedient uns. Mein Gastgeber zeigt mir am nächsten Tag die Umgebung, und wir fahren an vielen Moscheen vorbei. Brunnen für die Waschungen sind vor den Gebetsräumen aufgebaut. Es gibt Gebetsräume für Frauen und Männer. Während ich im Auto warte geht Khalil zur nächsten Moschee zum Abendgebet.

Zurück im Hotelzimmer in Maskat fühle ich mich wieder wie losgelöst von der Stadt. Ich habe noch ein paar weitere Tage um meine Erfahrungen, Erlebnisse und Beobachtungen zu reflektieren und kritisch zu hinterfragen. Auf der Dachterrasse kann ich die ganze Stadt überblicken, im Fitness-Studio versuche ich zur Ruhe zu kommen, in meinem Zimmer lese ich Foucault. Morgen bringt mein Taxi mich zurück zum Flughafen.

Michael Foucault, Andere Räume in: Barck, Karlheinz u.a. (Hg.), Aisthesis. Wahrnehmung heute oder Perspektiven einer anderen Ästhetik, Leipzig 1992, S. 34 – 46

Janna Lichter
Realisierte Utopien
Semesterarbeit

Hochschule Düsseldorf
Fachbereich Design
betreut von Prof. Anja Vormann