Perspektivwechsel im eigenen Viertel

Es kommt darauf an, wie man schaut und nicht auf das, was da ist. Die Perspektive und die Art, wie wir schauen, bildet letztendlich unsere Umgebung. Julia Schmitz

Wir sprechen etwas über deine Bachelorarbeit und vertauschen dafür die Rollen: Du bist jetzt diejenige die befragt wird und über deren Gedanken wir deine Perspektive einnehmen. Darum geht es nämlich auch in deinem Projekt „Perspektivwechsel im eigenen Viertel–Derendorf neu begehen“, in dem du Bewohner dazu aufforderst, dir ihre alltäglichen Routen durch das Viertel zu zeigen, um diese Beobachtungen dann in unterschiedlichen Heften zu dokumentieren. 
 
Deine Vorgehensweise ist untypisch für Designer, denn du gehst erstmal nicht von deiner eigenen Perspektive und Beobachtung aus und nimmst sie zum Maß aller Dinge, sondern gibst anderen Menschen einen Raum, ihre Beobachtungen zu teilen und nimmst diese fremden Perspektiven ernst. Wieso hast du dich dazu entschieden diese sehr beobachtende Position einzunehmen und nicht in erster Linie mit deinen eigenen Beobachtungen zu arbeiten? 

Julia Schmitz: In der Anfangsphase habe ich mich tatsächlich auch erstmal nur mit meinen eigenen Beobachtungen im Stadtraum beschäftigt. Dabei ist mir dann schnell aufgefallen wie sich diese Wahrnehmungen von mir, von den Wahrnehmungen meiner Freunde und Bekannte aus dem Viertel, unterscheiden.
Ich bin deswegen einen Schritt zurückgegangen und habe meine eigene Perspektive nicht an erster Stelle meiner Untersuchungen gesetzt, sondern die Beobachtungen Anderer.

Im ersten Schritt gehst du mit ausgewählten Bewohnern Derendorfs das Viertel aus ihrer eigenen Perspektive ab. Dabei greifst du weder in die Route noch in die Erzählungen der Bewohner ein, sondern beobachtest, schreibst mit und dokumentierst. Was wurde gesehen? Was wurde gedacht? Was wurde kommuniziert und was hat dich am meisten überrascht bei den Spaziergängen mit den unterschiedlichen Bewohnern? 

Julia Schmitz: In erster Linie wurde von speziellen Erlebnissen in den jeweiligen Straßen, Geschäften oder Häusern erzählt. Dabei hat mich überrascht wie unterschiedlich die Wahrnehmung von der eigentlich gleichen Straße ist. Jeder sieht andere Dinge, bewertet und ordnet diese Dinge anders ein.
Eine interessante Begebenheit war z.B. ein „Geheimweg“, der auch von drei Bewohnern als solcher bezeichnet wurde, den sie glaubten als einzige zu kennen. Ich habe sie natürlich keines Besseren belehrt. 

Als Gestalterin ist das ein schönes Gefühl, da plötzlich Strukturen sichtbar werden, die sonst im Verborgenen geblieben wären. Julia Schmitz

Beim Durchblättern deiner Hefte fällt auf, dass es zusätzlich kurze Kommentare von dir gibt, zwischen den Erzählungen des jeweiligen Bewohners. Sie geben Hinweise auf die Blick – und Laufrichtung des Erzählenden. Wann ist diese Idee entstanden, diese kurzen Anmerkungen mit einfließen zu lassen? Welche zusätzliche Information entsteht dadurch? 
 
Julia Schmitz: Anfangs hatte ich die Idee eine Art Stadtplan zu entwerfen, auf dem man die einzelnen Wege der Bewohner nachgehen kann. Um diese Wege als Außenstehender nachzuvollziehen, gibt es kurze Kommentare meinerseits, z.B. in welche Richtung der Bewohner geschaut hat, als er sich zu einer bestimmten Begebenheit geäußert hat. Zu dem Zeitpunkt der Entstehung meiner Bachelorarbeit habe ich mich auch viel mit Theater, Tanz und Bühnenbild beschäftigt, da ich das Projekt anfangs wie eine Art „improvisiertes Theaterstück“ aufgefasst habe, mit mehreren Protagonisten, abgesteckten Rahmenbedingungen, aber unvorhersehbarem Ausgang. Auch wenn sich die Idee etwas umstrukturiert hat und es letztendlich kleine Hefte anstelle eines großen Stadtplans gegeben hat, sind diese kurzen Kommentare meinerseits geblieben. Ich finde, dass dadurch eine gewisse Tiefe entsteht und es deutlich wird, dass diese Wege wirklich gegangen und erlebt wurden. 
 
Jede*r Bewohner*in mit dem du spazieren gehst, ordnest du sowohl einen Buchstaben, als auch eine Farbe zu, ihre Identität bleibt geheim und wird nicht aufgelöst. Wieso hast du dich gegen eine Zuweisung entschieden? Glaubst du, die Hefte würden anders gelesen werden, wenn man das Geschlecht, die Herkunft, Alter oder Beruf kennen würde? 
 
Julia Schmitz: Ich habe mich bewusst gegen eine Zuweisung entschieden, da es mir alleine um die Darstellungen von unterschiedlichen Perspektiven ging, ohne ein Vergleichen und Einordnen. Es war auch schön zu beobachten, dass bei der Ausstellung des Projekts, niemand nach bestimmten Merkmalen gefragt hat. Es wurde als das aufgenommen was es war, nämlich persönliche Beschreibungen unterschiedlicher Menschen, die alle im selben Viertel wohnen. 

Hast du neue Wege kennengelernt? Gehst du sie inzwischen vielleicht auch mal? Inwiefern hat diese Arbeit deine eigene Perspektive verändert? 

Julia Schmitz: Ich wohne immer noch in Derendorf und gehe auch noch dieselben Wege. Allerdings fällt mir auf, dass ich einen Weg, den ich mit einem Bewohner zusammen gegangen bin, teilweise plötzlich aus dessen Augen sehen kann. Ich erinnere mich an unser Gespräch und an die kleinen Begebenheiten während unseres Spaziergangs. Es ist schön zu merken, wie bei mir neue Verknüpfungen entstanden sind und ich bin mir fast sicher, dass das auch bei den Bewohnern mit denen ich den Spaziergang gemacht habe der Fall ist. Durch das Aussprechen der sonst nur gedachten Gedanken, rückt das Wahrgenommene stärker ins Bewusstsein und gibt einem die Möglichkeit, deutlicher über diese Gedanken zu reflektieren. 

Könntest du dir vorstellen an dieses Bachelor-Projekt anzuknüpfen und weitere Konzepte zur Erkundung des Stadtraums zu erarbeiten? Wie könnte so etwas aussehen? 
 
Julia Schmitz: Das Projekt ist so konzipiert, dass es in jeder beliebigen Stadt und in jedem Viertel anwendbar ist. Ursprünglich war meine Idee, dieses Projekt im Master fortzuführen und den nächsten Schritt zu gehen, der für mich bedeuten würde, die gesammelten Informationen und Beobachtungen der Bewohner zurück in den Stadtraum zu bringen. Das könnte zum Beispiel bedeuten, dass eine   bestimmte Wegstrecke mit Hinweisen bestückt wird, zu Dingen, die dem jeweiligen Bewohner aufgefallen sind. 

Julia Schmitz
Perspektivwechsel im eigenen Viertel–Derendorf neu begehen
Abschlussarbeit

Hochschule Düsseldorf
Fachbereich Design

betreut von Prof. Anja Vormann und
Prof. Mone Schliephack

Interview: Linda Weidmann

Perspektivwechsel im eigenen Viertel, Heft S – 4,49 KB
Perspektivwechsel im eigenen Viertel, Heft H – 4,49 KB