Seit fünf Jahren unterrichtet Daniela Georgieva Performancekunst an der Peter Behrens School of Arts (PBSA). Im Bewegungslabor geht es nicht darum, perfekt zu tanzen. Es geht darum, den eigenen Körper wahrzunehmen, Räume anders zu erleben und gemeinsam künstlerisch zu arbeiten. Nachdem ich selbst zwei ihrer Kurse besucht habe, wollte ich wissen, wie Daniela Georgieva zur Performance gefunden hat und was sie ihren Studierenden vermitteln möchte. In unserem Gespräch erzählt sie von ihrem Weg zur Performancekunst, der Bedeutung von Bewegung und davon, warum sie ihren Studierenden vor allem eines mitgeben möchte: immer mutig zu sein.
„Bewegung bedeutet mir eigentlich alles. Es bedeutet für mich vor allem Leben“, sagt Daniela Georgieva. Das überrascht nicht, wenn sie von ihrem eigenen Lebensweg erzählt. Geboren in Bulgarien, als Kind in Wien aufgewachsen und später zum Studium nach Düsseldorf gekommen, war Bewegung schon immer Teil ihres Lebens. „Ich bin schon immer sehr viel bewegt gewesen“, erzählt sie. „Ich sage auch immer ganz gerne, dass ich so nomadenhaft bin.“
An der Kunstakademie Düsseldorf studierte sie Freie Kunst. Angefangen hat sie mit grafischen Arbeiten und entdeckte schon früh ihr Interesse für Bühnenbild, Musik und interdisziplinäres Arbeiten. Zur Performance kam sie erst später durch ein sehr persönliches Erlebnis.
„Durch die Geburt meiner Tochter“, antwortet sie. Während eines Stipendiums in Italien war sie schwanger und begann, sich intensiv mit Bewegung und ihrem eigenen Körper auseinanderzusetzen. Rückblickend sieht sie darin einen Wendepunkt für ihre künstlerische Arbeit. Gleichzeitig erkennt sie heute, dass Performance eigentlich schon viel früher Teil ihres Lebens war, damals hauptsächlich durch die Musik. Sie stand bereits auf der Bühne, performte für andere und bewegte sich zwischen verschiedenen künstlerischen Disziplinen. Erst später fand sie ihre eigene Form der Performancekunst.
Bis heute arbeitet Daniela Georgieva interdisziplinär. Maßgeblich geprägt haben sie die Künstler:innen des Judson Dance Theater in New York. Die Gruppe aus Tänzer:innen, Musiker:innen, Fotograf:innen und bildenden Künstler:innen revolutionierte in den 1960er- und 70er-Jahren den zeitgenössischen Tanz. „Wenn ich damals gelebt hätte, wäre ich da gewesen“, sagt sie lachend. Die Offenheit dieser Arbeitsweise und das Zusammenspiel verschiedener Disziplinen seien bis heute eine große Inspiration für ihre eigene Kunst.
Heute versteht sie Performance nicht als etwas, das nur ausgebildeten Tänzer:innen vorbehalten ist. Im Gegenteil. „Der Körper ist in der Performancekunst das Material.“ Genau deshalb könne jede und jeder damit arbeiten.
In ihren Kursen an der PBSA müssen Studierende nicht unbedingt performen. Manche fotografieren, filmen, gestalten Kostüme oder entwickeln Bühnenbilder, vieles entsteht dabei gleichzeitig. Wichtig ist ihr, dass alle ihren eigenen Zugang finden. „Nicht jede:r muss sich praktisch bewegen“, erklärt sie. „Es können Leute fotografieren, Videos machen, Musik machen oder auch Kostüme entwerfen.“
Dabei entsteht jedes Semester etwas Neues. Die Performances entwickeln sich aus der Gruppe heraus. „Ich suche gar nicht nach dem perfekten Ausdruck, sondern nach dem, was ihr mitbringt. Daraus entsteht eigentlich die Schönheit.“
Warum gehört Performance in ein Designstudium? Für Daniela Georgieva lässt sich das kaum voneinander trennen. „Ich sehe den Körper selbst als Skulptur und als Form.“ Erst in Beziehung zum Raum werde sichtbar, wie Gestaltung funktioniert. Deshalb gehe es in ihren Kursen nicht nur um Bewegung, sondern auch um Wahrnehmung, Kommunikation und räumliches Denken. Für sie könne man über Raum oder Design kaum sprechen, ohne den eigenen Körper darin mitzudenken.
Genau dieser praktische Zugang macht die Kurse für viele Studierende so besonders. Auch ich habe inzwischen zwei Bewegungslabore bei Daniela Georgieva besucht. Im Vergleich zum oft theoretischen oder digitalen Studienalltag war es für mich eine willkommene Abwechslung, den eigenen Körper als Gestaltungsmittel zu erleben und Ideen nicht nur am Computer, sondern unmittelbar im Raum zu entwickeln. Gerade dieser praktische Zugang hat meinen Blick auf Gestaltung erweitert. Das gemeinsame Entwickeln eines Projekts war für mich besonders bereichernd. Natürlich bringt Gruppenarbeit auch Herausforderungen mit sich, doch gerade dieser Prozess schafft eine enge Verbindung innerhalb des Kurses. Anders als im üblichen Studienalltag arbeitet man hier auch körperlich miteinander. Dadurch begegnet man sich auf eine andere Weise, baut Vertrauen auf und überwindet Berührungsängste, die im Hochschulalltag sonst oft bestehen. Am Ende das gemeinsam Erarbeitete vor Publikum präsentieren zu können, war jedes Mal ein besonderer Moment. Ich stand schon immer gerne auf der Bühne, und die Aufführung fühlte sich wie eine schöne Anerkennung für die intensive Arbeit des Semesters an. Gleichzeitig wurde deutlich, dass es in der Performance nicht darum geht, perfekt zu sein, sondern gemeinsam etwas entstehen zu lassen
Wichtig ist ifür Daniela dabei, einen Raum zu schaffen, in dem sich alle wohlfühlen können. „Ganz wichtig ist mir, wertfrei zu sein und einen Safe Space zu schaffen.“ Gerade Studierende, die zum ersten Mal mit Performance in Berührung kommen, bräuchten Zeit, Vertrauen und die Möglichkeit, sich ohne Druck auszuprobieren.
Dass sich die Studierenden im Laufe eines Semesters verändern, erlebt sie immer wieder. Manche kommen anfangs eher zurückhaltend in den Kurs und entwickeln mit der Zeit immer mehr Selbstvertrauen. Manche entscheiden sich sogar dafür, den Kurs mehrfach zu besuchen. „Ich hatte tatsächlich Studierende, die zwei-, drei- oder viermal in meinem Kurs waren. Oder auch welche, deren Bachelorarbeit ich später Korrektur gelesen habe. Das macht mich natürlich sehr stolz.“
Am schönsten findet sie es, wenn der Kurs neue Perspektiven eröffnet. Manche entwickeln ein stärkeres Interesse für Fotografie oder Film, andere beschäftigen sich intensiver mit Kunstgeschichte oder entscheiden sich sogar dafür, anschließend freie Kunst zu studieren. Für Daniela Georgieva zeigt genau das, wie vielfältig Performance sein kann. Sie versteht ihren Unterricht nicht nur als Vermittlung von Bewegung, sondern als einen Ort, an dem Studierende ihren eigenen künstlerischen Zugang finden und weiterentwickeln können.
Dass sie heute an der Peter Behrens School of Arts unterrichtet, entstand eher zufällig. Nach einem Bewegungslabor im Rahmen einer Ausstellung in der Kunsthalle Düsseldorf sprach sie ihr ehemaliger Studienkollege und heutige Professor an der PBSA, Martin Pfeifle, an. Er war überzeugt, dass diese Form des Arbeitens unbedingt Teil des Departments Raum werden sollte. Kurz darauf begann Daniela Georgieva zu unterrichten. „Ich bin ihm sehr dankbar, dass ich das ausprobiert habe. Ich liebe das und lerne selbst total viel durch die Studierenden.“
Auch ihre eigene künstlerische Arbeit entwickelt sich ständig weiter. Auf die Frage nach ihrer Lieblingsperformance fällt ihr die Antwort schwer. „Jede Arbeit hat die Liebe bekommen, die sie gebraucht hat.“ Trotzdem gebe es Projekte, die sie maßgeblich geprägt haben.
Ein Projekt, das sie besonders geprägt hat, entstand in Zusammenarbeit mit Tänzer:innen des Balletts am Rhein für das Tanzhaus NRW. Dabei traf die präzise Körperlichkeit des klassischen Balletts auf ihre eigene Arbeitsweise, die stark von der bildenden Kunst und dem zeitgenössischen Tanz geprägt ist. Gerade diese Verbindung unterschiedlicher Perspektiven war für sie eine prägende Erfahrung.
Eine ihrer aktuell stärksten Arbeiten ist für sie „Fluscia“, das Anfang des Jahres im Tanzhaus NRW zu sehen war. Dort verbinden sich Choreografie, Musik, Gesang, Licht und Kostüm zu einer sehr persönlichen Arbeit. „Da fließt ganz viel von mir rein. Man sieht sehr stark, dass ich aus der visuellen Kunst komme.“ Gerade das Zusammenspiel von Bühne, Sound und Licht sei für sie ein wesentlicher Bestandteil ihrer Performances.
Überhaupt spielen Räume in ihrer Arbeit eine zentrale Rolle. Ob Museum, Theater oder öffentlicher Platz, jede Architektur verändert die Performance. Auch Kostüme entstehen immer in Bezug auf den Raum. Manchmal brauche ein reduzierter Ort kräftige Farben, manchmal sei gerade Zurückhaltung spannender. Am liebsten arbeitet sie jedoch im öffentlichen Raum. Dort begegnen Menschen der Performance oft zufällig. „Manchmal bleiben Leute stehen, die sich sonst nie damit beschäftigt hätten. Es entstehen interessante Gespräche.“
Aktuell beschäftigt sie sich erstmals intensiv mit ihrer eigenen Herkunft. Volkstänze, Trachten und Erinnerungen aus ihrer bulgarischen Kindheit verbindet sie mit zeitgenössischer Performance. Sie recherchiert alte Tänze, fotografiert traditionelle Kleidung und entwickelt daraus ein neues Bewegungsvokabular. Wohin dieses Projekt führt, weiß sie selbst noch nicht genau und genau das macht den Reiz aus.
Neben ihrer Arbeit als Künstlerin ist Daniela Georgieva auch Mutter. Dass ihr immer wieder gesagt wurde, Kinder würden einer künstlerischen Karriere im Weg stehen, hat sie nie akzeptiert. Stattdessen nahm sie ihre Kinder mit auf Stipendien und Reisen und traf ihre Entscheidungen bewusst. Rückblickend bereut sie keine davon.
Auf die Frage, welchen Rat sie Studierenden mitgeben möchte, muss sie deshalb nicht lange überlegen: „Lasst euch nichts von anderen sagen. Habt keine Angst. Seid mutig. Traut euch.“ Sie selbst habe sich nie lange von Zweifeln aufhalten lassen. „Ich habe mir nicht so viele Gedanken gemacht. Ich habe die Dinge einfach gemacht.“
Zum Schluss bleibt noch ein Gedanke, der das ganze Gespräch eigentlich zusammenfasst: neugierig bleiben, offen bleiben, rausgehen und sich Kunst anschauen. „Nie denken, man kennt alles oder weiß alles.“ Denn genau dort, wo man bereit ist, sich auf neue Menschen, Räume und Erfahrungen einzulassen, beginnt für Daniela Georgieva auch die Performance.
Ein Beitrag von Matilda Lowitsch-Gramse Studierende an der HSD PBSA FB Design
Betreut von Prof. Anja Vormann