Tarlabaşı

Ihr habt hier keinen Platz

Aufgebrochener Asphalt, zugemüllte Straßen, kaputte Fenster, zugemauerte Türen, leerstehende Häuser, Türme von sortiertem Müll, Bauzaun, eine ungewohnte Stille, ein Mann der sich an einem kleinen Feuer wärmt, das Bild wird von auf den Straßen spielenden Kindern unterbrochen. Für einen kurzen Augenblick öffnet sich ein Tor: eine meterhohe Feuerflamme; um sie herum stehen hagere, leicht bekleidete und stark geschminkte Transsexuelle. Das Gebäudeinnere ist ausgehöhlt. Das Tor wird zugeschlagen. Auf den Fassaden der kaputten Häuser findet man oft den Schriftzug PKK, eine militante Untergrundorganisation beziehungsweise Arbeiterpartei der Kurden. Ein anderer Schriftzug der oft zusehen ist: HDP (Halkların Demokratik Partisi) eine linksgerichtete politische Partei in der Türkei, die sich für die Rechte von Minderheiten, insbesondere aber die der Kurden stark macht. 

Tarlabaşı, ein traditionell nicht-muslimisches Viertel in Istanbul, ist dem Bauboom der Türkei erlegen und wird nach und nach abgerissen. Nach der gewaltvollen Vertreibung und Flucht der Armenier, Griechen und Juden haben sich hier Kurden, Roma, Afrikaner, aber auch Transsexuelle angesiedelt. Nur noch wenige Menschen leben im Viertel. Die übrigen Bewohner sind der Obdachlosigkeit und Ungewissheit ausgeliefert, weil sie nicht umgesiedelt werden und oft keine andere Unterkunft finden. Anstelle ihrer denkmalgeschützten Häuser sollen Luxusbauten entstehen.

„Ich habe keine Zeit für Sightseeing“

„Sowas wie Rassengleichheit gibt es hier nicht. Sie denken, dass wir Kriminelle sind, wenn sie uns sehen. Ich war zum Probearbeiten eingeladen worden, und der Chef hat mir den Job versprochen, aber er hat mir die Papiere nicht gegeben. Ich habe Informatik studiert und mach hier nur ‚easy jobs’. Am Tag meiner Ankunft wurde ich vom Taxifahrer verarscht. Er hat mir für die Fahrt vom Flughafen bis zum Taksim Platz 100 Dollar berechnet [Normalpreis circa 14 Dollar, Anm. des Autors]. Die Menschen werden schnell unhöflich und aggressiv, wenn man sie nicht versteht, und beleidigen oder schreien einen an. Ich kenne hier niemanden und lerne meistens Schwarze auf der Straße kennen. So habe ich auch meinen ersten Job bekommen: Ich habe Lampen nach der Herstellung poliert und 100 Dollar bei einer 60-Stunden-Woche bekommen [1,6 Dollar/h bzw. 1,36 Euro/h, Anm. des Autors]. 

Heute habe ich nur einen Kaffee getrunken [18 Uhr, Anm. des Autors]. Man muss mit dem leben, was man hat. Ich wusste nicht, dass es hier so kalt ist. Ich kam mit sommerlicher Kleidung am 23. März dieses Jahres hier an. Ich zahle circa 155 Euro pro Monat für meine Unterkunft [ein Schlafzimmer und Wohnzimmer, Anm. des Autors] und lebe mit mehreren Leuten da. Es ist kein Agent dazwischen. Ich miete es direkt bei dem Vermieter und zahle so weniger. Ich muss aber ausziehen, und der Vermieter zahlt mir die Kaution nicht zurück. Er droht mir mit der Polizei, wenn ich die Wohnung nicht verlasse. Heute hilft mir ein Freund, die Sachen zu ihm zu tragen. Ich werde erstmal bei ihm wohnen. Außer der İstiklal Caddesi [Einkaufsstraße, Anm. des Autors] kenne ich keine anderen Orte in Istanbul. Sie ist voller Leben und erinnert mich an einen Ort in Nigeria. Ich laufe hier oft entlang. Ich denke immer daran zu arbeiten. Ich habe keine Zeit für Sightseeing. Außerdem zeigt mir keiner die Stadt.“ – Israel N., 23 Jahre alt, aus Nigeria, lebt in Tarlabaşı

Der neue Hotspot in Istanbul

Die Lage des Viertels ist für viele attraktiv, schließlich liegt Tarlabaşı mitten im Zentrum von Istanbul, im Stadtteil Beyoğlu und besitzt eine gute Verkehrsanbindung. Çalık Gayrimenkul, ein türkisches Immobilienunternehmen, ist seit 2007 für die Durchführung des Projekts „Taksim 360“ zuständig. Sämtliche Häuser werden nach und nach abgerissen und durch sogenannte ‚Gated Communities‘, also geschlossene Wohnkomplexe, aber auch durch andere Luxusbauten und Bürokomplexe ersetzt. Çalık Gayrimenkul gehört zur Çalık Holding. Diese ist eine der größten türkischen Konzerne: 34 Unternehmen gehören zur Holding. Der Schwiegersohn von Präsident Recep Tayyip Erdogan Berat Albayrak stand an der Spitze des Konzerns.

Das Projekt Taksim 360 soll das Viertel zum Hotspot für Kultur, Kunst und Entertainment machen. Gleich in der Nähe befindet sich die berühmte İstiklal Straße: Sie ist eines der Zentren des Istanbuler Nachtlebens und mit circa drei Millionen Besuchern jeden Tag ein sehr lebendiger Ort. Das Erneuerungsprojekt des Viertels wurde bei den 18. International Property Awards unter den sechs wichtigsten europäischen Projekten mit dem Preis „Best Urban Renewal Project“ ausgezeichnet. Auf der Internetseite des Bauprojekts können Interessierte weitere Informationen anfordern. Außer auf Türkisch werden die Inhalte auch auf Englisch, Arabisch und Französisch bereitgestellt. Insgesamt haben die ehemaligen Bewohner circa 163.000 Euro bekommen. Die Preisspanne für eine Immobilie im zukünftigen Hotspot liegt zwischen 10.000 Euro bis 85.000 Euro. Das Projekt umfasst 952 Einheiten.

„Mit den Restaurants und Cafés, die die exklusivsten Kreationen der Weltküche bieten, sind die Geschäftsleute, die sich ein angenehmes und schmackhaftes Geschäftsleben wünschen, glücklich“, wirbt Taksim 360. 

„In den unteren Stockwerken befinden sich elegante Geschäfte, Restaurants und Cafés, in den oberen Stockwerken gibt es Bürobereiche, die das schönste Arbeitsumfeld von Istanbul bieten, 24-Stunden-Rezeption, Tagungsräume, Klimaanlage, Kabelfernsehen, und wenn Sie Ihrer Arbeit eine kurze Pause geben möchten, werden Sie die Energie von Beyoğlu und Istanbul spüren, wenn Sie Ihre Tasse Kaffee schlürfen.“ 

Den Anwohnern wird die Möglichkeit gegeben, ihre Immobilien zu verkaufen. Wenn sie dies nicht tun, werden sie zwangsenteignet und notfalls mit Gewalt aus ihren Häusern entfernt. In der Vergangenheit ist man mit Wasserwerfern gegen die Einwohner vorgegangen. Die Vertreibung aus ihren Häusern kann sie in die Arbeitslosigkeit oder in die Obdachlosigkeit treiben. Im Zentrum findet man nirgendwo sonst eine so günstige Unterkunft; man muss gegeben falls an den Stadtrand ziehen und kann den Arbeitsplatz nicht mehr so einfach erreichen. 

Vor einigen Jahren hat die Stadt beschlossen, den Müll der Bewohner nicht mehr abzuholen und stattdessen den Müll anderer Bewohner im Viertel abgeladen. Die Anwohner sortierten den abgeladenen Müll und verkauften ihn oder trennen bestimmte Stoffe, wie zum Beispiel Kupfer, vom Rest und verwerten diese. Zudem zog sich die Polizei aus dem Viertel zurück, obwohl die Polizeidienststelle unweit entfernt ist. Dadurch nahm die Kriminalität zu. Außerdem dürfen die Menschen keine Reparaturarbeiten an ihren Häusern vornehmen, weil diese unter Denkmalschutz stehen. Ziemlich paradox. So starben bereits in der Vergangenheit Menschen wegen einstürzender Häuser oder aufgrund anderer Unfälle, die durch Reparaturen hätten verhindert werden können. 

„Manchmal brauche ich einen ‚Off-Day‘“

„Ich habe türkische Literatur und Grammatik studiert und arbeite seit zehn Jahren in einem Buchladen hier in der Nähe. Mein letztes Zimmer habe ich wegen Crystal [Meth, Anm. des Autors] verloren. Bitte erzähle hier [im Hostel, Anm. des Autors] niemanden davon [hat Crystal Meth und Marihuana während des Gesprächs konsumiert, Anm. des Autors]. Manchmal brauche ich einen ‚Off-Day‘. Das ist das Großstadtleben. Außerdem raucht hier jeder in der Gegend Gras und bei Literaturstudenten ist Gras das Mindeste. Manchmal brauche ich einen Hangover. Ich brauche Frieden. 

In Tarlabaşı sind wir, die weißen Istanbuler, willkommen. Die schwarzen Istanbuler [Kurden, Roma und Afrikaner, Anm. des Autors] verkaufen uns Marihuana und Ecstasy. Ich habe mich da nie glücklich gefühlt. Es ist gut, dass die Häuser abgerissen werden. Das sieht auch jeder ein, dass man so nicht leben kann.“ – Fatih S., 34 Jahre alt, lebt in Istanbul

Tarlabaşı erhält durch seine Geschichte eine politische Dimension; viele Eigentumsverhältnisse der vorherigen nicht-muslimischen Bewohner waren ungeklärt, und so haben sich andere Minderheiten in den verlassenen Häusern angesiedelt. Seine Bewohner blicken in eine ungewisse Zukunft.

Hussein Khodr
Tarlabaşı
Semesterarbeit

Hochschule Düsseldorf
Fachbereich Design
betreut von Prof. Anja Vormann