Bar Mleczny

Bar Mleczny. Ein Ethnologe in der Milchbar.

Bar Mleczny, übersetzt Milchbar, ist eine Art Kantine, die zur Zeit des Kommunismus in Polen sehr verbreitet war und momentan immer mehr aus dem Stadtbild zurücktritt. Die Bar bietet eine preisgünstige, traditionelle, polnische Küche an. Ihre Speisen sind oftmals auf einer Pinnwand mit Magneten abgebildet, und man kann viertel, halbe oder wie üblich ganze Portionen bestellen. Im Speiseraum finden sich Menschen unterschiedlicher sozialer Schichten wieder. Bankiers, die zu Mittag essen, Studenten, Dachdecker, ältere Herrschaften, wie auch Obdachlose, welche die übrig gebliebene Brotreste von der Tischkante zusammenschieben und aufnehmen. Man setzt sich an einen freien Platz, an einen Tisch, an dem bereits Menschen unabhängig voneinander sitzen und speisen. Meine Beobachtungen ergaben, dass zwischen den auf den am Tisch sitzenden Menschen keine Berührungsängste, aber auch wenig Kommunikation stattfindet. Es geht ums Essen. Das Thema » Bar Mleczny« spricht soziale und kulturelle Aspekte an und gibt typische Verhaltensmuster der Menschen in Polen wieder. Zu untersuchen ist eine Speise- und Denkkultur, die sich mit dem fortschritt der Modernisierung verändert und in den nächsten Jahren abnimmt, bis sie nur noch vereinzelt gegenwärtig sein wird.

Milchbars sind mir seit jeher bekannt. In mehrfachen Aufenthalten in Polen aß ich in unterschiedlichen Kantinen, die diesen Namen trugen. Aufgefallen sind mir diese Milchbars, da sie in sich starke Differenzen tragen und mir als Fremder im eigenen Land sowohl fremd wie auch vertraut sind. Aber geht es hier denn wirklich um das Thema » Milchbar«? Durchaus, dennoch ist dieses Thema völlig banal und austauschbar. Genau darin liegt der Reiz, etwas zum Thema machen, das mir vertraut und gleichermaßen fremd ist, etwas, das durchaus vordergründig nicht von Wichtigkeit und Interesse gekennzeichnet ist, diesem Etwas zu folgend es zu beobachten, nach Spuren zu suchen, es zu erforschen, aufzuarbeiten und darin eine Geschichte zu entdecken, die dem Thema seiner Banalität entziehen kann oder auch nicht, und sich dabei mit einer Kultur und ihrem Tischverhalten innerhalb eines Ganzen zu beschäftigen und daraus eine transformierte eigene Wahrheit zu erarbeiten.

Auszug einer Beobachtung

[ Bar Targowy ist eine Bar in der Nähe der Markthallen, im zentralen Teil der Stadt Krakow. Vor mir eine lange Schlange an Menschen, die fast bis zur Tür anstehen. An der Kasse wird gestritten. Es sollten keine Naleśnik mit Käsefüllung, sondern mit Konfitüre sein. Nun ist uns der Grund bekannt. Ich zögere einen Augenblick. Eigentlich muss ich mit der Geschäftsführung sprechen. Um kein weiteres Aufsehen zu verursachen, füge ich mich in die Reihe ein. Schließlich ist es Mittag. Ich überlege etwas zu essen. Ein Mann, der direkt vor mir steht, schaut mich an. Er bittet mich darum, den Platz für ihn freizuhalten, da er sich unterzuckert fühlt und sich nun setzen muss. Die Tischwahl fällt ihm nicht leicht, denn alle Tische sind belegt. Er setzt sich zu anderen Bargästen und wechselt zweimal den Platz. Dieser scheint ihm optimal zu sein. Mit dem Rücken zum Fenster richtet sich sein Blick in den Raum. Nach einem kurzen Zögern begibt sich der ältere Mann zu mir und erinnert mich daran, ihn nicht zu vergessen. Er geht an mir vorbei und bittet um einen sauberen Lappen. Hinter mir wächst die Schlange. Naleśnik mit Konfitüre sind fertig. Auch die Bedienung schient dies zu sein. Unmittelbar hinter mir verspüre ich ein Drängen. Eine winterlich angezogene Dame versuchte sich aus ihrem Dilemma zu befreien. »Dass es nur immer so war sein müsste! So stickig und dieser Geruch der unterschiedlichen Speisen!« Tatsächlich ist uns warm. Selbst die Fenster sind beschlagen. Ich nehme mein Notizheft aus der Tasche. Fange an zu schreiben. Einen Augenblick später sucht die Dame erneut Kontakt mir mir, indem sie mir leicht auf die Schulter tippt. Der ältere Mann bringt den Lappen zurück. »Dass die Bedienung die Tische nicht sauber machen kann,“ sagt sie. »Schließlich müsste das doch auch zu ihren Aufgaben gehören, « stöhnt sie vor sich hin. » Und immer diese Hitze und der Geruch! Ab zwei Uhr ist Schichtwechsel. Die zweite Schicht ist schneller.« Im Raum diskutiert ein Tisch über Pierogi. Man scheint nicht  ganz zufrieden zu sein. Ich winke dem älteren Mann zu. Er nicht und reiht sich vor mir ein …   ]

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Agnes Sofie Varisella
Bar Mleczny. Ein Ethnologe in der Milchbar.
Abschlussarbeit

Hochschule Düsseldorf
Fachbereich Design
betreut von Prof. Uwe J. Reinhardt und
Prof. Anja Vormann

Weiterführende Links:
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