Feministische Öffentlichkeiten in Marrakesch

Mediale Übersetzung feministischer Öffentlichkeiten in Marrakesch

Vom Flughafen in die Innenstadt fahre ich an Motorrädern und Rollern vorbei – Frauen bahnen sich ihren Weg frei, durch Gassen zu zweit, mit ihren Kindern oder alleine. Der Bus wirft mich vor dem dem Hauptplatz Djemaa el Fna raus. Das erste Gefühl, und das Ankommen in einer neuen Stadt, lässt mich mich selbst hinterfragen, meine verschiedenen Positionen und Rollen. Ich als Außenseiterin, als Europäerin, als Frau und als Gestalterin. Durch das Verknüpfen von soziokulturellen Aspekten mit künstlerischer Praxis begebe ich mich immer wieder auf die Suche nach Antworten auf gesellschaftliche Strukturen. Fragen, die ich über die fotografische Praxis selbst lösen möchte. Fragen nach Distanz und Nähe, nach Konstruktion und Dekonstruktion, nach Macht und Widerstand. In dieser Arbeit erforsche ich die alltägliche urbane Praxis von Frauen im öffentlichen Raum in Marrakeschs durch künstlerisch-gestalterische Methoden und das Dokumentieren flüchtiger Momente.

In aktuellen Islamischen Diskursen wird die Freiheit und Unabhängigkeit muslimischer Frauen oft von Vorurteilen beherrscht. Das Projekt öffnet einen neuen Raum, und versucht die Position muslimischer Frauen im öffentlichen Raum in Marrakesch über visuelle Bilder zu diskutieren. Was sind unterschiedliche Identitätskonzepte von Frauen in Marrakesch? Welche Vorstellungen beherrschen die Diskurse der modernen Frau? Worum geht es in der Frage nach Freiheit und Identität? Die Dekonstruktion durch Bilder unterschiedlicher Identitätsvorstellungen marokkanischer Frauen, macht alternative Perspektiven von Freiheit und Unabhängigkeit sichtbar. Schnelle Transformationsprozesse und die Komplexität der globalen Welt führen oft zu stereotypischen Denken – um die Zusammenstöße verschiedener Identitäten zu verarbeiten und zu verstehen. Im öffentlichen Raum versuche ich diese Stereotypen durch gestalterische Methoden aufzubrechen. Und teste die Grenzen zwischen Bewegtbild und Nicht-Bewegtbild durch eine 16-Kanal Installation.

Die marokkanische feministische Bewegung gehört zu den Pionieren der arabische-feministischen Bewegungen. Marokko, oder arabisch al-Maghrib, gehört zu den fünf arabischen Länder Nordafrikas. Seit 1956 ist Marokko unabhängig, doch der Weg zu einem liberalen Land mit neuen Strukturen führt zu Spannungen. Das Land ist geprägt von einem patriarchalischen System und Vorurteile gegenüber Frauen bestimmen den Alltag. Doch marokkanische Frauen sind keine passiven Teilnehmerinnen, sie sind fester Bestandteil der Modernisierung und des politischen Fortschritts Marokkos. Während des Arabischen Frühlings im Jahr 2011 erreichten die Massendemonstrationen für mehr Demokratie im Land ihren Höhepunkt. Kurz darauf wurde eine neue Verfassung für mehr Bürgerrechte durchgesetzt. Die neue Generation Marokkos formt soziokulturelle und politische Praxis durch Proteste, Demonstrationen und Bewegungen für den Fortschritt Marokkos und die Ermächtigung der Frau.

Soziale und feministische Bewegungen sind seit den 40/50er Jahren wesentlicher Bestandteil der Entwicklung Marokkos. Kurz nach der Unabhängigkeit des Landes wurden die Forderungen der Frauen nach Gleichberechtigung in den Gesetzen etabliert, im nächsten Schritt wurden in den 80er Jahren Familiengesetze reformiert, heute wird der Feminismus durch Social-Media neu aufgelebt. Fatima Sadiqi beschreibt zwei unterschiedliche Entwicklungen der marokkanischen feministischen Bewegungen: den säkularen Feminismus und den religiösen Feminismus. Beide Richtungen haben ihre eigenen Vorstellungen von Feminismus und führen zu Spannungen im Diskurs. Während der säkulare Feminsiusm sich mit den Fragen auseinander setzt, der Frauenrolle, und Position in der Gesellschaft, setzt sich der religiöse Feminismus mit religiösen Traditionen auseinander. Die zwei unterschiedlichen Positionen der Frauenbewegungen prägen politische Debatten, und haben trotz interner Spannungen verschiedene Ziele umgesetzt. Unter anderem in den Bereichen Bildung, Einkommen und Krankenversicherung und wirtschaftlichen Aufschwung in ländlichen Gegenden.

Spannungsfeld zwischen Bewegtbild und Nicht-Bewegtbild

Über das Bewegtbild und nicht-Bewegtbild erforsche ich die räumliche Praxis von Frauen in der Öffentlichkeit in Marrakesch. Die transmediale Methode der Bilderzeugung im Prozess ermöglicht mir neue Zugänge. Ich laufe durch Straßen, Märkte und Gassen mit meiner Kamera, experimentiere mit dem Bild. Ich versuche alltägliche Situation festzuhalten, zu verstehen. Mich interessiert wie Geschlechterrollen konstruiert werden und werfe einen kritischen Blick auf patriarchale Strukturen. Durch die Bilder reproduziere ich nicht nur den öffentlichen Raum, sondern eröffne einen weiteren Verhandlungsraum der räumlichen Praxis von Frauen. Das Spannungsfeld aus Bewegtbild und nicht-Bewegtbild dekonstruiert stereotypische Bilder und die Wahrnehmung auf die Frau. Nach dem Schema Bewegen, Interaktion, Konfrontation führe ich die Bilder in einer 16-Kanal Bilder Projektion wieder zusammen. Die Bilder werden gegenüber gestellt, treten in einen Dialog zueinander, sprechen ihre eigene Sprache und können neu interpretiert werden.

Bilder räumlicher Praxis von Frauen in Marrakesch
Janna Lichter
Semesterarbeit

Hochschule Düsseldorf
Fachbereich Design
betreut von Prof. Anja Vormann