Wonach sucht ihr?

Mein Experiment Israel

Der Wunsch alles rational verstehen zu können zerbrach schon bei der Ankunft in Tel Aviv. Interessiert an Gesellschaft und Politik hatte ich mich um ein Ausslandssemester in Israel beworben. Wie lebt es sich in einem Land was ständig unter Spannung steht? Wie geht die Bevölkerung mit dem Alltag um? Und was für Träume haben die Menschen vor Ort? In einem fremden Land und mit dem Abstand zu mir selbst, hörte ich auf zu kategorisieren und zu beobachten. Ich schloss Freundschaften und kostete jeden Moment aus – denn nach sieben Monaten war alles wieder vorbei. Ich lernte Hintergründe von Menschen kennen und verstehen, akzeptierte sie so wie sie waren. In dem Projekt berichte ich von Freundschaften, die mich das Land, die Menschen und mich selbst besser verstehen ließen. Das Verhalten der portraitierten Personen bezeichne ich im Nachhinein nicht als anders – von unterschiedlichen Dingen umgeben, versuchen wir alle individuelle Lösungen zu finden. Das Projekt »Wonach sucht ihr« gibt Einblicke in meine Begegnungen und zeigt sechzehn Personen. Die gestalterische Trennung der Geschichten von den Fotografien ermöglicht ein unabhängiges Lesen der zwei Ebenen. Die Personen fotografierte ich in ihren privaten Wohnungen und Räumen und hielt über mehrere Monate Notizen fest. Die Sprache der Bilder und Texte sind persönlich und es entsteht nicht nur ein Portrait der Abgebildeten, sondern auch ein Portrait über mich selbst.

{Auszug: Arad, 26 Jahre, Samar}

Der Bus hatte uns im Nichts raus gelassen. Ich schaute mich um, es fing langsam an zu dämmern. Hinter der Haltestelle entdeckten wir das umzäunte Kibbuz. Lina, Bhavika und ich studierten gemeinsam in Tel Aviv und machten einen Ausflug in die Negev Wüste. Jemand hatte uns Arads Nummer zugesteckt und uns nach Samar eingeladen.

Vorsichtig betraten wir ein gelbes Eingangstor und liefen zwischen zusammengebastelten Häusern und Vorgärten hindurch. Für mich fühlte es sich an, wie ein Ort einer Kommune, die abseits der Gesellschaft ein Leben aufzubauen versuchte. Da kam Arad uns auch schon entgegen. Das Einzige, was ich von ihm bisher kannte, war seine tiefe Stimme am Telefon und ich war überrascht, dass er in meinem Alter war. Wir umarmten uns und er führte uns zu seiner kleinen Holzhütte, die er sich mit einem Freund Ido teilte. Beide kannten sich schon lange und waren zusammen zum Wehrdienst gegangen. Damals verunglückte Arad bei einem Einsatz im Gaza. Er war von einem Felsen gestürzt und Ido hatte ihn bis zur nächsten Krankenstation getragen. Zwei Jahre dauerte es, bis Arad wieder normal gehen konnte und man spürte den Zusammenhalt der beiden. Das Zimmer war voller kleiner Details, wie selbstgebastelter Mobiles, Bilder von Tieren oder gesammelter Steine. Doch Arad schlief jede Nacht draußen, auch wenn keine Gäste zu Besuch waren.

Das Zimmer sollte für die nächsten zwei Nächte auch unser Zuhause sein. Wir packten unsere Sachen aus, besorgten Matratzen aus den benachbarten Hütten und bauten uns ein kleines Schlafrevier. Doch bevor wir schlafen gingen, wurde im gemeinsamen Speiseraum zu Abend gegessen. Arad erzählte uns, dass er nach dem Wehrdienst mit mehreren Freunden hergekommen war. Ich hatte das dumpfe Gefühl, dass alle die hier waren, mit Problemen zu kämpfen hatten. Schnell bestätigte sich meine Vermutung, jeder Einzelne hatte hier seine Geschichte zu tragen. Samar schien von vielen als Transitort, als Heilungsort, betrachtet zu werden. Für immer konnte sich fast niemand von den Personen, die ich traf, vorzustellen zu bleiben. 

In Samar gab es eine gemeinschaftliche Kasse, in die alles Geld floss – nur den Tabak, den musste man extra zahlen. Das Kibbuz funktionierte nach traditionellen Regeln und jeder hatte seine Aufgabe. Die meisten arbeiteten von morgens früh bis mittags spät in den Dattelplantagen – der Hauptertrag des Kibbuz. Arads Job war es im Kindergarten auszuhelfen. Die Kinder taten ihm gut, sagte er, sie seien so direkt, so ehrlich und noch so leer. Das Leben fühlte sich durch sie echt an. Für ihn war die größte Herausforderung den Kindern mitzugeben sich selbst zu schützen. Mit ihnen einen Weg zu finden, sich von dem Schutz der Eltern zu lösen und alleine Schutz in dieser Welt zu finden – das war für ihn essenziell. Alle jüngeren Kibbuzbewohner versammelten sich abends vor unserer Tür. Wir tranken gemeinsam Wein, lachten, alberten herum, hatten ernste Gespräche und es wurde Musik gespielt. Alle schienen sich in dem Konstrukt des Kibbuz zu Hause zu fühlen. Auch scheuten sie keinen Körperkontakt – uns gegenüber nicht, aber auch untereinander nicht. Es wurde sich in den Armen gehalten – Beine, Arme und Körper lagen übereinander. Es war das größte Gemeinschaftsgefühl, was ich seit langem verspürt hatte. Ich fühlte mich so, als wäre ich eine von ihnen. 

Am nächsten Tag liefen wir mit Arad und Ido durch die trockene und steinige Wüste. Während die beiden uns über die Pflanzen, Tiere und Steine erzählten, beobachteten wir die Natur und kletterten Hügel hinauf. Die Sonne stand oben am Himmel und die Hitze stieg uns allen zu Kopf. Wasser hatten wir auch nicht genug mitgenommen. Wir beschlossen eine kleine Pause im Schatten zwischen zwei Felsen einzulegen. Arad packte plötzlich eine Blockflöte aus seiner Tasche aus und fing in Begleitung mit Idos Harmonika an zuspielen. Der Klang der Instrumente schallte in der Schlucht und erinnerte mich an eine Kindermelodie. Bei dem Ausdruck in ihren Gesichtern wurde mir die Ernsthaftigkeit klar. Als sie fertig gespielt hatten, stellte Arad fest, er habe sich total verschlechtert. Ido munterte ihn auf und sagte, dass er toll gespielt habe, dass es nur schwierig sei, die Blockflöte mit der Harmonika zu begleiten. Es machte mich glücklich zu sehen, wie die zwei in ihrer eigenen Welt lebten. Wir wanderten weiter und stolz zeigten sie uns ihren Lieblingsort – vom Gipfel sahen wir ins Tal hinunter. Auf dem Rückweg sammelte ich Steine, auf denen Amphibien Abdrücke hinterlassen hatten. Arad war kein Fan davon, er wollte die Natur so belassen, wie sie war und befürwortete den Stein wieder zurückzulegen. Ihre Ehrlichkeit spiegelte sich in unserer Begegnung wider und ließ mich aufgehoben und verbunden zu ihm fühlen.

Nachdem ich das Kibbuz verlassen hatte, fühlte ich mich leer. Ich kam zurück nach Tel Aviv und Purim – eine Art Karneval – stand vor der Tür. Alle Straßen waren gefüllt von Partys und verkleideten Menschen, die betrunken durch die Straßen liefen. Am selben Abend war ich mit zwei Mädchen von der Uni verabredet. Auf dem Weg zu ihnen erhielt ich den Anruf, dass eine von ihnen sich gerade übergeben hatte – es ginge aber trotzdem weiter. Mir wurde alles zu viel und ich begann selbst zu trinken und zu rauchen, bis ich nicht mehr denken konnte. Mit nichts auf dieser Welt wollte ich heute alleine zurück ins Bett, zur Wohnung, ich irrte bis morgens durch die Stadt. Die nächsten Tage verschlechterte sich meine Stimmung. Alles fühlte sich falsch an, im Kibbuz ergab das Leben einen Sinn, hier in Tel Aviv auf einmal gar nicht mehr. Ich schrieb Arad eine Nachricht, dass ich Samar vermisse. Er antwortete, dass es jetzt das Ziel sei, die Dinge, die mich in Samar glücklich gemacht hatten, in meinem Alltag zu finden. 

Janna Lichter und
Wonach sucht ihr?
Semesterarbeit

Holon Institute of Technology (HIT)
Fachbereich Design
Fotografien betreut von Adi Branda